Philosophische Texthighlights

Lassen Sie sich inspirieren!

31.08.2020Spirit

Jedes Jahr erscheinen zwei Feuerberg-Journale, eines für den Sommer und eines für den Winter. Insgesamt sind bereits 27 Journale erschienen, jedes zu einem anderen Thema. Bekannte Persönlichkeiten, Philosophen und Spirit-Gäste teilen ihre Gedanken mit uns zu den verschiedenen Themen. Im Folgenden haben wir Ihnen eine Auswahl der philosophischen Texte der letzten Jahre zusammengestellt. Viel Spaß beim Stöbern!

Vom Nützlichen übers Wahre zum Schönen

Goethes Spruch scheint auch heute noch eine gute Leitlinie zu sein. Zu oft reduzieren wir unser Leben auf das „Nützliche“ und vergessen dabei das „Schöne“. Die Natur kann uns hier eine Lehrmeisterin sein. Sie ist nützlich und schön.

„Schönes“ zu schaffen, ist eine besondere Kunst. Man muss sich einer Aufgabe intensiv und liebevoll hingeben und ein Gespür für „die große Harmonie“ entwickeln. Wahre Schönheit kommt von innen. Sie ist der Glanz des Wahren und keine Frage einer schönen Oberfläche.

Mein Künstlerfreund Johannes Matthiessen, der auch am Feuerberg seine Spuren hinterließ, hat mir einmal gesagt: „Es ist möglich aus dem Hässlichsten das Schönste zu machen – aus der größten Wunde etwas Wunderschönes.“ Indem wir Menschen nach Wahrheit, Schönheit und Güte streben, verwandeln wir nicht nur uns, sondern zugleich die Erde.

Günther Karner, Organisationsentwickler

Sommerjournal 2020

Über Wunder

“Denn dies ist der Zustand eines gar sehr die Weisheit liebenden Menschen, das Erstaunen;
ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen, und wer gesagt hat,
Iris sei die Tochter des Thaumas, scheint die Abstammung nicht übel getroffen haben.”
Platon (Theaitetos)

Unser Leben ist voller Wundern: Wir Erwachsenen nehmen sie allerdings kaum noch wahr. Ist es nicht ein Wunder, wie ein Kleinkind auf diese Welt kommt, unseren Blick und unser Lächeln erwidert, aufsteht, und die allererste Sprache erlernt? Ist das kein Wunder, dass wir Sinnesorgane haben, womit wir Töne, Farben, Gerüche, Geschmäcke wahrnehmen können, Qualitäten, die uns von fernen und doch vertrauten Welten Kunde geben? Ist es kein Wunder, dass wir mit unserem Denken verborgene Beziehungen zwischen unseren Wahrnehmungen entdecken und sie zur Weltwirklichkeit zufügen können? Dass manche von uns aus Tönen, Farben usw. Kunstwerke schaffen können, die neue Welten in uns entstehen lassen? Und das vielleicht größte Wunder lebenslang: Ist es kein Wunder, dass wir Menschen einander lieben können, dass wir darin unsere physische und seelische Trennung überwinden und – zumindest eine Weile – eins werden, ohne uns dabei zu verlieren?

Warum erleben wir unser Alltagsleben nicht als ein fortlaufender Regen von Wundern? Die kleinen Kinder tun das noch, sie können gar nicht anders. Aber beim Erwachsenen bilden die Gewohnheiten eine dicke Schicht der Seele, an der das Wundervolle abprallt und alles in schon gedachte Gedanken, in schon gefühlte Gefühle absterben lässt.

Bei dem antiken Menschen war es noch anders. Platon hat noch das Erstaunen, das Sich-Wundern als die Quelle jeder Weisheit gesehen. Iris ist die Botin der Götter, die zwischen Göttern und Menschen vermittelt, und ihr Vater ist der Flussgott Thaumas, dessen Name Wunder bedeutet.

Könnte der heutige, „aufgeklärte“ Mensch die Welt der Wunder zurückgewinnen, ohne dabei die Errungenschaften seiner Vernunft zu gefährden? Das könnte und sollte er. Ist nicht bis heute das Fragen die wichtigste Triebkraft hinter der Wissenschaft? Und was sonst ist Fragen, wenn nicht eine abstrakte Form des Staunens? Wenn wir lernen, weniger an unseren Gewohnheiten zu klammern und offenen Herzens und Verstandes der Welt und den anderen Menschen zu begegnen, könnte unsere Welt wieder voll von Wundern werden. Deshalb würden wir die Welt nicht weniger verstehen, sondern viel mehr. Weil nicht nur im Denken, sondern auch im Fühlen. In einem Fühlen, das versteht, wie wir Musik (manchmal) auch verstehen, auch wenn ihr Sinn nicht in Worte gefasst werden kann. Wie anders wäre die Welt, wenn wir auf die verborgene, wundervolle Melodie der Natur, der anderen Menschen und des eigenen Lebens hinhorchen würden!

Univ.Prof. Dr. Laszlo Böszörmenyi

Winterjournal 2019/20

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Das Wort Humor kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Feuchtigkeit“.

In der Medizin der Antike kannte man vier Säfte, die im menschlichen Körper fließen. Da gab es die gelbe und die schwarze Galle, das Blut und den Schleim. Wenn die schwarze Galle, die Melancholia überwiegt, erzeugt das die melancholische Stimmung, die das Blut in den Adern zum Stocken bringt.

Es gibt zwar viele medizinische Ansätze, die Säfte wieder zum Fließen zu bringen, aber die beste und einfachste, die noch dazu umsonst zu haben ist, ist das Lachen und der Humor. Humor befreit von der Enge des Gemütes und lässt das Leben wieder frei fließen. Darum blüht gerade in Zeiten von politischem Druck der befreiende Witz.

Wenn wir uns selbst zu ernst nehmen, wächst der innere Druck und unsere Lebenssäfte geraten ins Stocken.

Gönnen wir uns ein befreiendes Lachen über uns selbst.

Dann blüht das Leben wieder in seiner ganzen Fülle.

 

Gerhardt Staufenbiel, Lehrer der japanischen Teezeremonie

Sommerjournal 2019

 

Zeit

Ein kleiner Vogel liegt auf dem Rücken und streckt seine zarten Beine gegen den Himmel. „Was machst du da?“, fragt ihn ein Kollege. „Ich trage mit meinen Beinen das Firmament; wenn ich sie einziehe, fällt der Himmel über mir zusammen!“ Bei diesen Worten löst sich vom nahen Eichenbaum ein Blatt und raschelt zu Boden. Darüber erschrickt das kleine Großmaul so sehr, dass es auf- und davon fliegt.
Der Himmel aber steht heute noch an seinem Platz.

Auch Menschen tappen immer wieder in diese „Bedeutsamkeitsfalle“. Sie glauben sich die Kostbarkeit „unverzweckter“ Zeit nicht leisten zu dürfen. In der Folge lernen sie „nutzlose“ Unterbrechungen nur kennen, wenn sie ihr Körper durch Krankheit dazu zwingt. Und nicht selten reagieren sie dann darauf erleichtert, weil sie dadurch „eine Pause geschenkt" bekommen.
Wer es vermag, sich immer wieder aus dem Käfig verplanter Zeit zu befreien, gönnt sich den seltenen Luxus, ohne den Lebensqualität innere Balance und seelisches Gleichgewicht nicht denkbar sind.

Dr. Arnold Mettnitzer

Winterjournal 2018/19

 

Mut aus der Sicht des Zen

„Selbsterkenntnis ist ein Abenteuer, das in unerwartete Weiten und Tiefen führt.“ C.G. Jung

Demnach heißt mutig sein, einen Schritt tun in ein unbekanntes Feld, nicht wissend, was uns begegnet, und wohin der Weg führt.

An der Pforte dieses Weges steht rechte, heilsame, umfassende Erkenntnis. D.h., der Weg führt zu mir selbst und zwar umfassend, d.h., da soll nichts verdrängt, vertuscht oder beschönigt werden. Ich begegne meinen Stärken, aber auch meinem gnadenlosen Richter der mich be- und verurteilt.

Mut im Sinne des Zen heißt, davor nicht weglaufen, heißt dies genau anschauen, zu erkennen, dass der Blick zurück mich blockiert und mich hindert, zu meinen tiefen, eigenen Potentialen vorzudringen. Der Weg des Zen führt mich nicht irgendwo hin, sondern zu mir selbst, dorthin wo der Samen des Vertrauens, des Friedens, der Liebe und Heiterkeit schlummert und darauf wartet, keimen und wachsen zu dürfen. Mut im Sinne des Zen führt also zum Herzen und handelt aus dem Herzen.

Das Sitzen in der Stille, Übungen wie Yoga oder Bogenschiessen o.a. sind Hilfsmittel, um an die Quelle zu kommen.

KyuSei Kurt Österle, Zen- und Bogenlehrer, www.altbaeckersmuehle.de

Sommerjournal 2018